Editorial (2/2019)

Digital

Die Staatsgalerie Stuttgart zeigt in einer Ausstellung seit 7. März 2019 ein einziges Bild »Love is in the Bin« von Banksy. Bansky ist ein Street-Art-Künstler, dessen Werk im letzten Oktober während einer Auktion von sich Reden machte. Kurz nachdem der Hammer fiel, lief das Bild »Girl With Balloon« zum Erstaunen der Teilnehmer durch einen im Rahmen verborgenen Schredder. Banksy, dessen wahre Identität unbekannt ist, stellte die Aktion später auf seinem Instagram-Account als von langer Hand geplante Kritik am Kunstmarkt dar. Sotheby's dagegen feierte das zerstörte Bild als »erstes Kunstwerk der Geschichte, das während einer Auktion live entstand«. »Girl With Balloon« ist jetzt umgetauft in »Love is in the Bin (Tonne)«. Eine Sammlerin kaufte es trotz dieses unvorhersehbaren zerstörerischen Akts für 1,2 Millionen Euro!

Bansky: Love is in the Bin, 2018, Sprayfarbe und Acryl auf Leinwand,
142 x 78 x 18 cm, Privatsammlung (Foto: Sotheby's, Copyright Bansky)

Noch weit mehr auf den Kopf gestellt wird das Verständnis von Kunst bei einem weiteren Beispiel. Beim Auktionshaus Christie's in New York ist ein Kunstwerk im Stil eines alten Meisters versteigert worden, das nicht von einem Menschen, sondern mittels eines Algorithmus gemalt wurde. Das Porträt »Edmond de Belamy« entstand komplett am Computer, der Titel ist frei erfunden. Dennoch – oder gerade deshalb? – erzielte das erste digitale Gemälde mit 432.500 Dollar (380.500 Euro), einen exorbitanten Preis. Allein schon die Konnotation von Authentizität ließ offensichtlich Sammlerherzen höher schlagen. Oder war es eine Hommage an die neue Technik? Fragen der Authentizität, der originalen Substanz und der Aura eines Werks scheinen keine Rolle mehr zu spielen.

Für den Kunstbetrieb im Allgemeinen wie im Besonderen ergeben sich völlig neue, ja seltsame Perspektiven. Bei »Love is in the Bin« ermittelt sich der monetäre Wert nicht mehr nur an dem real existierenden Kunstobjekt, sondern an der Performance um seine materielle Existenz. Das Werk, die Aktion wird digital an das Publikum weitergeleitet. Nicht das Museum ist der Vermittler, sondern Instagram. Ähnliches gilt für »Edmond de Belamy« das Digitalgemälde. Es hat seinen Ort (noch) nicht im Museum, es ist kein Leinwandgemälde im herkömmlichen Sinn, auch wenn es so anmutet. Für Restauratoren, die ja die Verwalter der materiellen Exponate sind, ergeben sich neue Konstellationen. Was ist einmal bei diesen Gemälden zu restaurieren? Die Schreddermaschine? Oder »Edmond de Belamy« einfach wieder neu machen?

Podiumsdikussion in München, von links Prof. Dr. Ulrich Pfisterer,
Prof. Dr. Sybille Ebert-Schifferer, Moderator Dr. Thomas E. Schmidt,
Dr. Friederike Voigt, Dr. Frank Matthias Kammel (Foto: Besch)

In jedem Fall ist ein Umdenken erforderlich. Es ist etwa auch zu fragen, ob die bisher bestehenden Systeme, etwa das System Museum, so noch weiter existieren können. Die Anstrengungen, die etwa in die Digitalisierung der Bestände fließen, sind sie ausreichend, um die Besucher mitzunehmen, sie für Kunst zu begeistern? Verschwindet nicht vielmehr die Aura eines Originals, wenn man von zuhause aus sich jedes Werk im Museum als Digitalisat heranzoomen kann? Im Digitalsender ZDFKultur flaniert der Besucher auf der Couch liegend durch eine aktuelle Ausstellung! Schauen die Leute von heute sich lieber Instagram-Fotos von Bildern oder TV-Sendungen an, statt sich auf den Weg ins Museum zu machen, um dort das Original zu sehen?

Und was kostet das alles? Der Etat der Museen reicht bei weitem nicht aus, um noch mehr Digitales zu initiieren, so Dr. Kammel, seit Juli 2018 Generaldirektor des Bayerischen Nationalmuseums. Die Antworten der Kuratoren sind schwammig, mal rückwärts gewandt, mal in die Zukunft schauend, wie eine Podiumsdiskussion in der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in München am 19. Februar 2019 ergab. »Neugiermaschine Museum. Ausstellungspraxis im digitalen Zeitalter« war das Thema, zu dem sich die Kunsthistoriker trafen. Sie alle setzen auf unterschiedliche Formen der Rezeption, die sowohl den virtuellen wie den Besucher vor Ort befriedigen sollen. Mehr Info, mehr Schaudepot, mehr Sonderausstellungen? Das Museum als Tempel, als Schule, als Friedhof, als Salon? Die Antworten waren vielfältig. In jedem Fall weist der Zeiger auf Abwechslung, auf Erlebnis, auf Event und wird schon dadurch die Arbeit der Kuratoren, vor allem aber auch der Restauratoren in eine andere Richtung lenken. »Der Besucher von heute will Kunst erleben und begreifen, (wie immer man diese beiden Begriffe auslegen mag), nicht nur lernen und staunen«, so postulierte ein Zuhörer. Eine Balance ist zu finden, der dennoch den Erhalt der Kunstwerke für spätere Generationen im Auge behält.

Ulrike Besch

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