Editorial

Kopie und Original – eine ewige Kontroverse, ein ewiges Dilemma. Die Kopie ist – so die gängige Meinung – minderwertig, ist sie doch nicht mit der Aura des Originals behaftet. Im schlechtesten Sinne ist die Kopie Fälschung. Im schlimmsten Fall sogar kriminell, trägt sie die Absicht, arglose Kunstsammler hinters Licht zu führen und daraus Kapital zu schlagen (siehe die Ausstellung in Köln zu Khmer-Kunst, weiter unten). Doch was ist, wenn Kopie unwiederbringlich Verlorenes ersetzt? Wenn sie durch Krieg und Vandalismus Zerstörtes wieder zurückruft ins Gedächtnis der Menschheit? Was ist mit Teilrekonstruktionen? Und wie gehen wir überhaupt um mit Original und Kopie im Zeichen des Digitalen?

Augmented Reality in der Cadolzburg
(Foto: Bayerische Schlösserverwaltung)

Die Cadolzburg nahe Fürth im fränkischen Bayern ist seit 24. Juni 2017 ein Museum der besonderen Art. Es ist »Burgerlebnismuseum«, was heißt, dass der Besucher mit allen Sinnen ins Mittelalter eintauchen soll. Es als solches zu gestalten war eine Heraus­forderung: Die zunehmende Zerstörung der originalen Bausubstanz seit dem 19. Jahrhundert, massive Kriegsschäden, der Brand 1945 und schließlich Vernachlässigung führten dazu, dass authentisch erhaltene mittelalterliche Elemente vor allem im Inneren der Burg nur punktuell erhalten sind. Restauratorisch waren nicht nur die Mauern und Decken zu sichern, sondern auch ein Großteil zu rekonstruieren. Das betraf beispielsweise eine spätmittelalterliche Holzdecke in der Kemenate. Im Rahmen einer Masterarbeit im Studiengang Denkmalpflege in Bamberg wurden erste Grundlagen erarbeitet, vor allem zur hypothetischen, ursprünglichen Farbigkeit (mehr dazu weiter unten).

Mit der 3D-Brille durch die Cadolzburg
(Foto: Jörg Rofeld/Bayerische Schlösserverwaltung)

Für das Event mittelalterliche Burg reicht die normale Vorstellungskraft der Besucher offensichtlich heute nicht mehr aus. Zu textlastigen Quellenschriften, Bauplänen und anderen museumstypischen Exponaten gehören jetzt digitale Medien, im Burgerlebnismuseum eine 3-D-Brille oder Augmented Reality auf dem Handy. So kann sich der Besucher die längst vergangenen goldenen Zeiten der Cadolzburg wieder zurückholen.

Was beim Beispiel Cadolzburg auf gesicherter und besonders reichhaltiger Quellenlage fußt, ist andernorts Disneyland. Und hier tut sich die Gefahrenlage auf: Dem musealen Angebot von digitalen Medien geht eine gründliche Recherche voran, ein Erarbeiten der ursprünglichen Fakten. Das Bild, das im Kopf des Historikers entsteht beim Sichten der Texte aus der Zeit, beim Durchforsten der Archive, bei der Suche nach Spuren, vermittelt er dem Besucher letztlich durch »Kopien«. Der Besucher kann sich aber auf eine wissenschaftliche Vorarbeit verlassen und sich der medialen Aufarbeitung lustvoll hingeben. Bleibt ihm nur noch die »Arbeit« Reproduktion von Disneyland zu unterscheiden, museale Verlässlichkeit gegen bloße Eventpolitik abzugrenzen.

Das Neue Schloss mit dem neuen Treppenanbau des Architekturbüros
Claus + Forster (Foto: Bayerische Schlösserverwaltung)

Für den Restaurator bedeutet die Reproduktion ein besonders hohes Maß an Detektivarbeit. Denn vor dem meist ebenso komplizierten Wiederherstellungsprozess steht das Suchen nach verlässlichen Indizien. Quellen sind zu sichten, Restaurierungsdokumentationen – so vorhanden – helfen weiter, interdisziplinäre Forschungsarbeit ist zu leisten. Viele solcher Kopien entstehen zurzeit, unter anderem geschuldet der Kriegslage im Nahen Osten. Wie sich ein Künstler einer durchaus frag-würdigen Kopie nähert im Fall der Nürnberger Madonna, davon mehr weiter unten.

Ulrike Besch

Aktuelles

Förderung

Studium

Institutionen

Tagungsberichte

Fachbeiträge

Firmen
und Produkte

Restauratoren-Infos als PDF-Dateien

Weitere Webseiten

Sonstiges